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Angelerlebnisse 2007
Teil 2
Angeln unter Extrembedingungen Rockenau am Neckar vom 26.05. bis 10.06.2007 Teil 1
Nie hatten wir einen Urlaub so nötig gehabt wie in diesem Jahr. Als wir letztes Jahr in Rockenau waren, hatte meine Schwester kurz
vorher die Diagnose erhalten, dass sie einen unheilbaren Lungenkrebs erkrankt war. Trotz mehrerer Chemotherapien hat sie ihre Krankheit nicht besiegen können. Am 2. April diesen Jahres verstarb sie.
Mit ihrer Krankheit und ihrem Tod ist auch unser Leben anders geworden. Hinzu kommt nach, dass man Anfang März bei meinem Vater
ebenfalls Krebs festgestellt hat. Und zwar ist er an einem Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, der schon Metastasen in der Leber gebildet hat!
Als meine Schwester starb war ich zwar froh, dass ihr Leiden endlich ein Ende gefunden hatte, denn sie konnte schon seit Wochen das
Bett nicht mehr verlassen, aber nun bin ich alleine für meine alten Eltern zuständig. Das zerrte und zerrt natürlich an meiner Substanz und
so hoffte ich inständig, dass während unseres Urlaubs nicht noch Schlimmeres passieren würde.
Ein kleiner Lichtblick in dieser stressigen Zeit war die Auslieferung unseres neuen Peugeot 207 CC am 22. Mai, den sich Achim Anfang
März bestellt hatte. Den Gedanken, den nagelneuen Wagen in der Garage stehen zu haben, während wir in Rockenau waren, behagte uns
nicht. Und so beschlossen wir, dieses Mal mit zwei Autos nach Rockenau zu fahren. In meinem Peugeot 307 SW wurden die Angelsachen untergebracht und im Kofferraum von Achims CC unsere Reisetaschen.
Am Samstag, dem 26. Mai, standen wir um 4.45 Uhr auf, damit wir noch vor Mittag in Rockenau waren. Nach einer kühlen Dusche und
mehreren Tassen Kaffee waren wir fit für die Reise. Um 6.15 fuhren wir los. Die Autobahn war um diese Uhrzeit relativ leer, so dass wir flott vorankamen.
Gegen 10.30 Uhr kamen wir bei schwülen 29° C in Eberbach an. Am Ufer des Neckar
hielten wir für eine Zigarettenpause an, um dann gleich weiter nach Zwingenberg zu fahren, wo wir im Angelfachgeschäft Zöller unsere Angelkarten holten.
Wie in jedem Jahr deckten wir uns mit schweren Bleien, spitzen Haken und frischen Ködern ein. Danach fuhren wir zurück nach
Eberbach bzw. Rockenau zu unserer Ferienwohnung. Marianne und Bernd Weis begrüßten uns auch dieses Mal freudig.
Als erstes packten wir unsere Angelsachen in den Angelkeller. Anschließend stellten wir das restliche Gepäck in die Wohnung.
Da wir unterwegs nichts gegessen hatten, knurrte uns der Magen. Wir beschlossen nach Eberbach zu fahren, um im Gasthaus „Zum
Anker“ zu Mittag zu essen. Anschließend kauften wir noch ein paar Getränke und Lebensmittel ein, um über die Pfingstfeiertage versorgt zu sein.
Wieder in der Ferienwohnung angekommen setzten wir uns erst einmal auf den Balkon, tranken ein Glas Hefebier und rauchten eine
Zigarette. Die Sonne schien vom blauen Himmel, die Vögel zwitscherten ihre Liedchen, der Neckar rauschte still vor sich hin, kurz: Der lang ersehnte Urlaub hatte begonnen!
Als nächstes gingen wir in den Garten und schauten uns „unsere“ Angelstelle an. Bernd Weis hatte für uns eine Holztreppe gebaut, damit wir bequemer das abschüssige Ufer erreichen konnten.
Einige Büsche rechts und links der Angelstelle hatte er schon etwas beschnitten, lediglich die Brennnessel und Brombeertriebe zwischen
den Steinen mussten wir noch entfernen. Wir machten uns sofort an die Arbeit. Nach 20 Minuten lief uns der Schweiß in Strömen den
Körper hinunter. Da ich keine Arbeitshandschuhe dabei hatte brannten mir nach kurzer Zeit die Hände und Unterarme weil ich so oft mit den Brennnesseln in Berührung kam. Rheuma werde ich dort nun wohl nicht bekommen.
Gegen 16 Uhr hielten wir mit unserer Arbeit inne und betrachteten den Platz. Ja, so konnte er bleiben. Wenig später brachten wir unsere Angelsachen dort hin.
An der Angelstelle ist es durch die vielen großen Steine sehr schwierig dort einen Rutenständer zu platzieren. Daher waren wir froh, dass wir unsere dreibeinigen Feederrutenständer mitgebracht hatten.
Zuerst steckten wir unsere Balzer Magna Feederruten von 3,90 m Länge zusammen. Dann wählten wir ein dünnes Vorfach von 70 cm
aus. Auf den Haken kam ein Madenbündel. Gespannt warteten wir, ob und welcher Fisch sich für den Köder interessieren würde. Als
erstes nahm ein kleines Rotauge den Köder an Achims Rute. Eine halbe Stunde später schnappte sich ein kleiner Döbel das
Madenbündel an meiner Rute. Dann tat sich lange Zeit nichts. Immer wieder blinzelte ich zu meiner Rutenspitze hoch um auch nicht den kleinsten Zupfer zu verpassen.
Ich wollte gerade Achim fragen, wo denn die Fische seien, als seine Rutenspitze zu zittern anfing. Er zögerte nicht lange, schlug an und drillte kurz darauf einen kleinen Zander.
Der hatte den Dendrobenas einfach nicht widerstehen können. Achim befreite ihn vom Haken und setzte ihn dann vorsichtig wieder zurück.
Gegen 20 Uhr hörten wir in der Ferne ein Donnergrollen. Von Westen zog eine fast schwarze Gewitterfront herauf, der Wind wurde kühler und bewegte sanft die Oberfläche des Wassers.
Um uns herum war es totenstill geworden. Kein Vogelgezwitscher war mehr zu hören. Wir entschlossen uns mit dem Angeln aufzuhören.
Ich wollte gerade meine Feederrute reinholen, als ich einen Biss bemerkte. Der Köderräuber war ein weiterer kleiner Döbel, dem ich wieder die Freiheit gab.
Das Gewitter kam näher und wir packten flink unsere Angelsachen zusammen. Kaum hatten wir sie im Keller verstaut, wurde es so
stürmisch, dass wir es auf dem Balkon nicht mehr aushielten und uns ins Wohnzimmer verzogen. Dann schüttete es wie aus Eimern. Wir
machten es uns vor dem Fernseher gemütlich und legten uns gegen 23 Uhr schlafen. Mit dem Gedanken an eine schöne fischreiche Zeit hier in Rockenau schlief ich ein.
Im Urlaub wollte ich gerne einmal etwas länger schlafen. Doch am anderen Morgen (Pfingstsonntag, 27.5.) war ich schon um 7 Uhr wach
. Ich ging auf den Balkon und schaute zum Himmel hoch. Er war teilweise bewölkt, nur ab und zu ließ sich die Sonne blicken. Die Luft
war durch das Gewitter kühl und klar geworden. Die Vögel pfiffen schon seit Sonnenaufgang ihre Lieder und die jungen Wanderfalken kreischten während ihres morgendlichen Fluges um die Wette.
Ich schaute aufs Thermometer. Es zeigte 18° C an. Während Achim noch schlief saß ich auf dem Balkon und beobachtete wie die
Nebelschwaden aus den Wäldern stiegen. Es juckte mir in den Fingern. Sollte ich jetzt schon angeln? Nein, ich wollte nicht übertreiben.
Schließlich war der Urlaub gerade erst angefangen. Zum Angeln hatte ich noch genügend Zeit. Nach einer Stunde hielt ich es nicht mehr
aus. Ich ging in den Angelkeller, nahm Rutenständer, Ruten und Gerätekasten in die Hand und brachte schon einmal alles zum Ufer. Mit
dem Angeln wollte ich mir noch etwas Zeit lassen. Hauptsache die Angelsachen waren schon an Ort und Stelle. Ich blieb eine Weile am
Ufer stehen, beschaute mir die Oberfläche und entschied mich dann doch gleich zu angeln. Ich ging noch einmal zurück in den Angelkeller
und auch noch meinen Stuhl. Dann ging ich noch einmal auf den Balkon und schaltete die Walkies ein. Ich schlich mich leise ins
Schlafzimmer und legte eines neben Achims Bett. So konnte ich ihn zur Not um Hilfe rufen – falls ein Riese beißen sollte und ich alleine mit ihm nicht klar kam.
Zuerst montierte ich an meine Feederrute ein 75 cm langes Vorfach mit einem 14er Haken auf dem ich zwei Maden steckte. Ich fing in
den zwei Stunden zwei kleinere Barben und einen Kaulbarsch. Das freute mich zwar, aber ein Erfolgserlebnis war es nicht.
Wahrscheinlich lag es am Feiertag, dass außer einem Ausflugsschiff keine Frachtschiffe fuhren. Es war ein sehr angenehmes Angeln.
Manchmal kam es vor, dass alle 10 Minuten ein großes Schiff kam. Dann musste ich die Montagen wieder reinholen, um einen Hänger oder Abrisse zu vermeiden.
Die Kirchturmuhr schlug gerade 12, als auf der gegenüberliegenden Bundesstraße ca. 20 Motorradfahrer Richtung Heilbronn fuhren. Es
folgen einige Pkw und weitere Motorradfahrer. Insgesamt müssen es an die 100 gewesen sein. Mit meinem Ex bin ich früher auch sehr oft
Motorrad gefahren und ich schaute ihnen etwas wehmütig hinterher. Achim kam mit seinen Angelsachen und riss mich aus meinen Träumen.
Kurz nachdem er seine Rute ausgeworfen hatte fing er auf einem Madenbündel gleich eine schöne große Barbe von 58 cm. Sie machte
während des Drills ein Spektakel, als kämpfe sie um ihr Leben. Da war nicht nötig, denn die Schonzeit war noch nicht beendet und
Achim setzte sie, nachdem ich ein paar Fotos von den beiden gemacht hatte, vorsichtig in ihr nasses Element zurück.
Obwohl ich die Maden immer wieder erneuerte wollten die Fische sie nicht mehr. Ich probierte es mit Dendrobenas. Doch auch dieser
Versuch blieb erfolglos. Achims Köder wurden ebenfalls größtenteils verschmäht. Lediglich eine kleine Barbe ging ihm noch an den Haken.
„Ich verstehe das nicht. Die ganzen Jahre vorher haben wir hier laufend Brassen, Rotfedern oder auch Aale gefangen. Wo sind die Fische
denn jetzt? Bernd Weis hat uns doch versichert, dass hier außer uns kein weiterer geangelt hat. Und das sah man ja auch an der Angelstelle“, sagte ich zu Achim.
„Ach, das kommt noch. Wir sind ja gerade mal 2 Tage hier. Das wird schon besser werden“, erwiderte Achim. Etwas frustriert und irritiert packten wir um kurz nach 20 Uhr unsere Sachen zusammen.
Wir schauten noch etwas fern und gingen relativ früh ins Bett.
Am Pfingstmontag (28.5.) hielt mich um 6 Uhr nichts mehr im Bett. Ich freute mich auf eine Tasse Kaffee und aufs morgendliche Angeln.
Als ich aus dem Fenster schaute sah ich, dass es regnete. Das musste doch nicht sein! Wir haben Urlaub! Vielleicht sollte ich lieber im
Bett liegen bleiben, dachte ich. Doch es hielt mich nichts mehr im Bett. Ich zog mir einen Morgenmantel über und ging auf den Balkon. Ein
Blick aufs Thermometer zeigte mir, dass es nur noch 14° C waren. Ich fröstelte und ging ins Wohnzimmer zurück. Hoffentlich bleibt es
nicht so, dachte ich. Ich schaltete das Radio ein um den Wetterbericht zu hören. Er gefiel mir überhaupt nicht, denn es hieß, dass es die
nächsten Tage noch kälter werden sollte. Die maximale Tagestemperatur betrüge dann höchstens 10° C. Erst ab Donnerstag sollte es
wieder wärmer werden, maximal bis 16° C. Der Wind, so wurde gemeldet, kam heute aus West-Nordwest.
Ich trank zwei Tassen Kaffee, überlegte, was man bei solch einem Wetter wohl unternehmen könnte und legte ich mich dann doch noch einmal ins schöne warme Bett.
Aber ich konnte nicht mehr schlafen. Also stand ich gegen 8.30 Uhr wieder auf. Vielleicht, so hoffte ich, hatte es inzwischen ja zu regnen
aufgehört. Doch es regnete immer noch. Und kalt war es auch. Ich war froh, dass ich außer den Sommersachen auch ein paar dicke Pullover und meinen Hausanzug eingepackt hatte.
„Wenn es wenigstens einmal für eine kurze Zeit aufhören würde zu regnen, dann könnte ich die Angelsachen unterm Schirm schon einmal aufbauen“ überlegte ich. Doch danach sah es nicht aus.
Ich nahm das Buch „Hilflos“ von Barbara Gowdy in die Hand, setzte mich damit auf den Balkon und fing zu lesen an. Zwischendurch
blickte ich immer wieder zum Himmel, in der Hoffnung endlich ein paar Sonnenstrahlen zu sehen. Plötzlich wurde mir trotz meines
warmen Hausanzuges kalt. Ich schaute noch einmal aufs Thermometer. Es zeigte nur noch 12° C an! „Ja, spinnen die da oben denn? Wir haben bald Sommeranfang und nicht Winter!“
2 Stunden später war die Temperatur weiter gefallen: 10° C. Gott sei Dank hatte zu regnen aufgehört. Trotzdem war mir bei dem Scheißwetter die Lust aufs Angeln vergangen.
Als Achim aufgestanden war beratschlagten wir, was wir tun sollten. Wir entschieden uns nach Gammelsbach zu fahren und im Restaurant „Zur Krone“ ein leckeres Wildgericht zu essen. Das Restaurant war
wie erwartet voller Gäste. Wir hatten Glück und bekamen noch einen freien Tisch. Wir bestellten uns ein Hefebier von Bucher. Als
eingefleischte Hefebiertrinker freuen wir uns immer, wenn wir eine neue Sorte probieren können.
Das Wildgericht schmeckte wieder einmal vorzüglich. Eben deshalb waren wir auch dorthin gefahren. Bevor wir wieder bezahlten fragte
ich die Bedienung, ob ich das Weißbierglas von Bucher käuflich erwerben könnte. Ich hatte mich spontan dazu entschlossen
Weißbiergläser zu sammeln. (Irgendein Hobby muss man ja haben, wenn man schon nicht angeln kann). Statt der Bedienung kam die
Chefin an unseren Tisch. Sie überließ mir das Glas als Geschenk des Hauses! Überglücklich steckte ich es in meine Tasche.
Als wir uns auf den Rückweg machten regnete es wieder. Ans Angeln war also immer noch nicht zu denken. Wir fuhren zurück nach
Eberbach und entschlossen uns unterwegs einmal ins Heimatmuseum zu gehen, welches im historischen Rathaus am Alten Markt untergebracht ist.
Der Besuch des Museums kostete keinen Eintritt. Besondere Schwerpunkte des Museums bilden die Abteilungen „Der Neckar als
Lebens- und Verkehrsader“, „Wald und Mensch – Wald und Natur“ und „Geologie und Landschaft, Nutzung des Gesteins“.
Unter anderem wurde von den Anfängen der Neckarschifffahrt und vom Holzschiffbau berichtet. Außerdem erfuhr man etwas über die
Flößerei und den Fischfang. Es war z.B. ein Stück der Original-Schleppkette ausgestellt, an der sich die Kettenschlepper mit mehreren
beladenen Kähnen im Anhang gegen den Strom “zu Berg” zogen. Die 115 km lange Kette lag auf dem Grund des Neckars und reichte von Heilbronn bis Mannheim.
In einen anderen Raum wurde der letzte Wolf des Odenwaldes ausgestellt. Aber auch über die Arbeit im Steinbruch wurde berichtet.
Als wir das Museum verließen regnete es immer noch. Kurz entschlossen gingen wir noch ins Küferei Museum.
Gegen 16 Uhr waren wir wieder in unserer Wohnung. Wir setzten uns auf den Balkon und überlegten, ob wir, wenn es aufhören würde
zu regnen, doch noch angeln sollten. So richtige Lust hatte ich nicht, während Achim sofort dafür war. Als der Regen nach 30 Minuten
tatsächlich aufgehört hatte siegte mein Angelfieber. Schnell holten wir unsere Angelsachen aus dem Keller und brachten sie ans Ufer. Wie
immer baute jeder seine Balzer Magna Feederrute und die Rhino-Big-Fish-Rute auf. Noch bevor wir auswerfen konnten war es vorbei
mit der Trockenheit. Ein leichter Nieselregen kam uns entgegen geweht. Achim ging zurück zum Angelkeller und holte einen Angelschirm
unter dem wir uns zu zweit setzten. Doch der Schirm half uns nicht viel, denn der Regen kam direkt von der Wasserseite auf uns zu.
„Ich lasse mir ja selbst so ein bescheidenes Wetter gefallen, wenn wenigstens ein paar Fische beißen würden!“ maulte ich nach einer Zeit,
als sich nichts tat. Zwar waren ständig meine Wurmbündel vom Haken verschwunden, aber kein Räuber wollte anbeißen.
Doch dann machte sich über Achims Madenbündel erneut eine kleine Barbe her. „Gibt es hier denn keine anderen Fische mehr? Die
Jahre vorher haben wir alles Mögliche gefangen. Jetzt sind es nur noch diese kleinen Barben“, war mein Kommentar zu seinem Fang.
Achim erwiderte: „Ich bin ja schon froh, wenn wenigstens etwas beißt. Aber eine Barbe über 70 cm würde mir mehr Spaß machen.“
„Nun sei nicht so anspruchsvoll. Du fängst wenigstens etwas, während ich hier blöde rum sitze“ nörgelte ich weiter. Schöner Angelurlaub!
Die Strömung war inzwischen so stark geworden, dass wir 150g-Bleie benötigen, um den Köder wenigstens einigermaßen an der Stelle zu halten.
Gegen 19.30 Uhr waren wir durchgefroren und beschlossen einzupacken. Zuerst holten wir unsere Feederruten rein und steckten sie
zusammen. Achim wollte gerade zu seiner Rhino-Rute um auch sie reinzuholen, als das Glöckchen laut bimmelte. Er schaute irritiert zur
Rutenspitze und wartete einen Moment. Sofort erklang ein weiteres heftiges Bimmeln. Auf einmal bog sich die Spitze und Schnur ging von der Rolle.
Nun wartete Achim nicht länger. Er nahm die Rute hoch und schlug an. Aufgeregt fragte ich ihn, wo die Kamera sei, denn ich wollte ihn
beim Drillen fotografieren. Er antwortete: „Bei mir. Warte, ich muss erst den Fisch drillen, dann gebe ich sie dir.“
Aber ich wollte nicht warten, ich wollte Fotos vom Drill machen. Ich ging zu ihm und wühlte in seinen Jackentaschen. Das nervte ihn
natürlich. Da ich in den Jackentaschen nichts fand, senkte Achim die Rute ein wenig, griff in seine Brusttasche und gab mir die Kamera.
Als er weiterdrillen wollte hatte sich der Fisch in der Steinschüttung versteckt bzw. festgesetzt. Nichts ging mehr. Nun schimpfte Achim
und gab mir die Schuld: „Verdammt! Warum musstest du auch unbedingt die Kamera haben. Jetzt habe ich das Malheur. Der Fisch hat sich festgesetzt.“
Etwas geknickt antwortete ich: „Schatz, warte noch einen Moment. Gib ihm mehr Schnur. Vielleicht schwimmt er dann wieder weiter.“ „Spar dir deine klugen Kommentare. Das weiß ich selber.“
Achim gab wieder etwas Schnur. Dann wartete er einen Moment und versuchte den Fisch erneut zu drillen. Doch es ging immer noch
nicht. Der Fisch saß fest und rührte sich nicht. Achim versuchte ihn zu ärgern, indem er an der Schnur wie auf einer Gitarrenseite zupfte.
Manchmal half das ja, aber diesen Räuber störte das überhaupt nicht. Also gab Achim ihm noch mehr Schnur, in der Hoffnung, der Fisch würde die Gelegenheit nutzen und wegschwimmen. Doch der dachte nicht daran.
Nun platzte Achim der Kragen: „Wenn du mich nicht mit der Kamera genervt hättest, dann hätte ich den Fisch schon am Ufer. Jetzt sitzt er fest.“
Ich antwortete kleinlaut: „Tut mir ja auch leid. Gib ihm immer weiter Schnur. Irgendwann kommt er aus seinem Versteck und wenn du
das merkst, dann drillst du ihn. Wir warten einfach so lange, bis er sich bewegt. Scheiß was auf den Regen. Wir gehen nicht eher, bis du den Fisch raus hast.“
Es dauerte endlose 15 Minuten, dann spürte Achim, dass der Fisch frei war. Sofort drillte er ihn zum Ufer und achtete darauf, dass er
sich nicht wieder festsetzen konnte. Wie er schon vermutet hatte, war es ein dicker Aal, der sich den Köder geschnappt und dann aus dem Staub gemacht hatte.
„Schnell! Öffne den Deckel vom Köderfischeimer“ rief Achim mir zu. Das tat ich. Achim steckte ihn in den Eimer, löste das Vorfach aus dem Wirbel und klappte den Deckel zu.
Erlöst sagte er: „Na, das ist ja noch mal gut gegangen. Ich hätte nicht aufhören dürfen zu drillen, um dir die Kamera zu geben.“
Langsam beruhigt er sich wieder und freute sich über seinen Fang. „Zuerst dachte ich, es wäre ein Waller von mindestens 1,50 m dran, so wie der abging.“
Am nächsten Tag (Dienstag, der 29.5.) begrüßte mich um 8 Uhr das gleiche miese Wetter wie am Vortag, was meine Stimmung sofort
auf Null sinken ließ. Inzwischen war auch noch der Wind stärker geworden. Teilweise blies er recht kräftig. Vorsichtig wagte ich einen Blick aufs Thermometer: 10° C. Das konnte doch nicht wahr sein!
Ich schaltete das Radio ein und hörte mir den Wetterbericht an. Er sagte, dass es am nächsten Tag trocken und teilweise bei maximalen
13° C sogar sonnig werden würde. Doch am Donnerstag sollte es schon wieder schlechter werden. Daraus sollte einer schlau werden! Jeden Morgen meldete der Wetterbericht etwas anderes.
Zum Mond und Mars konnten sie fliegen, aber einen Wetterbericht, der auch dem entsprach, was sie vorhersagten, brachten sie immer
noch nicht fertig, ging es mir durch den Kopf. Als ich die nächste Meldung hörte standen mir die Haare zu Berge. Für ganz
Süddeutschland hatte der Wetterbericht eine Unwetterwarnung herausgegeben. Es wurden 60 – 80 l Regen auf einen Quadratmeter angesagt!
„Wunderbar! Und das muss gerade in der Zeit passieren, wo wir uns ein paar Tage entspannen und angeln wollen. Womit haben wir das verdient?“ grollte ich.
Nach dem Frühstück holte Achim den Aal aus dem Eimer und nahm ihn aus. Er war 70 cm lang, wog jedoch nur 500 g. Gestern Abend hatten wir ihn schwerer geschätzt.
Es war schon Mittag als es kurz aufhörte zu regnen. Als ich Achim von der Unwetterwarnung erzählte ging er ans Ufer und holte
vorsichtshalber unsere Rutenständer von unserem Angelplatz, die wir am Abend zuvor dort stehen gelassen hatten. Sicher ist sicher!
Als er wieder bei mir war sagte er: „Da ist wohl in der Nacht ganz schön was vom Himmel gekommen. Der Neckar ist angestiegen und das Wasser sieht wie eine braune trübe Brühe aus.“
„Scheiße! Hoffentlich wird es bald wieder besser. Schließlich sind wir hierher gefahren um im Neckar zu angeln. Und nicht, um auf dem Balkon zu sitzen und uns den Regen oder die Wolken anzuschauen“ maulte ich.
Aber es wurde nicht besser. Der Regen hörte einfach nicht auf. Gegen 17 Uhr zog Achim seine Regensachen an. „Wo willst du denn hin? Willst du etwa angeln?“
„Ja“, antwortete Achim. „Ich versuch es mal mit der Spinnrute. Anders geht es ja nicht.“ „Na, dann viel Glück. Ich habe keine Lust. Ich bleibe hier und lese meinen Roman weiter. Ist echt spannend, das Buch.“
Eine Stunde später sah ich ihn erneut in den Angelkeller gehen. Kurz darauf kam er mit der Feederrute an der Hand, an der eine Pose baumelte, wieder raus.
„Schatz, komm doch ins Haus. Bei dem Mistwetter beißen die Fische sowieso nicht“, rief ich ihm zu.
„Ach, so schlimm ist es nicht. Außerdem, habe ich ja Regensachen an. Ich probiere mal, ob ich mit der Pose ein paar Köderfische fangen kann.“
Nach weiteren 2 Stunden kam Achim vom Ufer zurück. Er sagte, dass der Neckar inzwischen um gut einen Meter angestiegen sei. Die Steine am Ufer waren nun nicht mehr zu sehen.
Diese Nachricht machte mich noch wütender: „Das kann doch nicht wahr sein. Ich will angeln!!! Und nicht in einer Ferienwohnung herum sitzen. Etwas anderes kann man bei dem Mistwetter ja auch nicht unternehmen.“
„Es wird wohl noch ein paar Tage dauern, bis das Wasser wieder gesunken und auch klarer geworden ist. In Neckar treiben viele dicke
Baumstämme und Äste. Komm, reg dich nicht auf. Gieß dir ein Bier ein und sei ein liebes Mädchen“ antwortete er.
„Ich will aber kein liebes Mädchen sein. Ich will angeln!“ gab ich zurück bevor ich uns ein Bier holte.
Womit hatten wir das verdient? Das ganze Jahr lang hatte ich mir große Sorgen um meine Schwester gemacht. Nun war auch noch mein
Vater erkrankt. Ich hatte diesen Urlaub so sehr ersehnt und wollte mich die 15 Tage hier entspannen. Aber nicht, indem ich in der Ferienwohnung herum saß.
Am nächsten Morgen (30.5.) waren die Regenwolken endlich verschwunden. Ab und zu schaute sogar die Sonne hinter dem Berg hervor.
Ich zog mir Stiefel an und ging ans Ufer, um nach dem Wasserstand zu schauen. Ich bekam einen großen Schreck. Ich hatte gehofft, dass
das Wasser zurückgegangen war, doch in der Nacht war der Neckar sogar weiter angestiegen. Irgendwo da unten in dem kleinen See
war mal unser Angelplatz! Erschrocken stellte ich fest, dass die erste Stufe der Holztreppe schon im Wasser lag. Ich holte sie
vorsichtshalber hoch und legte sie oben auf die Wiese. Stinksauer setzte ich mich wieder auf den Balkon. Da waren wir extra wieder an
den Neckar gefahren um unserem Hobby nachgehen zu können und nun so etwas! Das Wasser sah nicht nur aus wie eine braune Brühe,
auf der Oberfläche trieb auch sehr viel Schaum. Im Fluss trieb, so kam es mir vor, der halbe Schwarzwald.
Aus der Traum vom Angelurlaub! Ich hätte heulen können. Womit hatte ich das verdient?
Als ich um 7 Uhr aufs Thermometer geschaut hatte zeigte es nur ganze 9° C an! Doch es stieg kontinuierlich an und um 9.15 Uhr waren
es schon 17° C. Es schien ein schöner Tag zu werden, aber das tröstete mich nicht ein bisschen.
Bernd Weis begrüßte uns und sagte, dass er so einen hohen Wasserstand um diese Jahreszeit das letzte Mal vor vielen Jahren erlebt hatte
. Falls wir angeln wollten, so meinte er weiter, sollten wir es etwas weiter links von unserer Angelstelle probieren. In der geschützten
flachen Bucht würden sich jetzt viele Zander, Welse und Aale aufhalten. Das hörte sich viel versprechend an.
„Nun gut, lass es uns dort probieren. Vielleicht haben wir ja Glück im Unglück und fangen wenigstens ein paar schöne Aale“ sagte ich zu Achim.
Wir nahmen unsere Sachen und begaben uns zu der angegebenen Stelle. Die Sonne schien vom Himmel und es wurde so warm, dass wir
schon bald unsere Pullover auszogen. Entweder gab es tatsächlich keine Fische mehr im Neckar oder sie hatten sich woanders vor dem Hochwasser versteckt. An dieser Stelle fingen wir jedenfalls keinen einzigen Fisch.
Wir angelten von 10.30 bis 21 Uhr dann hatten wir die Schnauze voll. Enttäuscht packten wir unsere Sachen ein und brachten sie zurück
in den Keller. Die ganze Zeit, während wir angelten, war kein Schiff gekommen. Sicher hatte man die Schifffahrt wegen des Hochwassers eingestellt, überlegte ich.
Als ich am anderen Morgen um 8.30 Uhr auf den Balkon trat schien die Sonne und die Temperatur lag schon bei 14° C.
Ich ging zum Ufer und sah, dass der Wasserstand des Neckars um gut 1,5 m gefallen war. Doch angeln konnten wir dort immer noch
nicht. Einige Steine am Uferrand waren schon wieder zu sehen, aber der Platz, den wir uns so schön fertig gemacht hatten, war nun voller Schlamm. Die einzigen Uferbewohner waren wieder da: Schnecken in rauhen Mengen!
Viele ihrer Verwandten waren im Hochwasser des Neckars ertrunken und boten den Fischen eine leckere Mahlzeit. Vielleicht waren sie satt und mieden deshalb unsere Köder.
Gegen Mittag entschlossen wir uns mit dem Cabrio an der Jagst entlang zu fahren. Auf der Landkarte sah die Strecke sehr interessant aus
. Von Eberbach aus fuhren wir auf der B 37 bis nach Jagstfeld. Dort bogen wir links ab und fuhren Richtung Neudenau und Möckmühl.
Wie zu erwarten, war die Jagst ebenfalls über die Ufer getreten. Auch in ihr schwammen viele Baumstämme. Einige Bäume, die dicht am
Ufer standen, waren ins Wasser gestürzt. Die Jagst wird von vielen Kanuten besucht. Aber daran war nun auch nicht zu denken.
Unterwegs hielten wir Ausschau nach einer Gaststätte um eine Kleinigkeit zu essen. Aber entweder gab es in den kleinen Ortschaften keine oder aber sie hatte an diesem Tag geschlossen.
Statt weiter nach Bad Mergentheim zu fahren, wie wir es ursprünglich geplant hatten, bogen wir in Adelsheim ab und fuhren über Schefflenz nach Mosbach. In der Altstadt suchten wir uns einen Parkplatz und gingen zum ersten Restaurant, das wir fanden, wo wir zu
Mittag aßen. Anschließend bummelten wir noch etwas durch die Straßen von Mosbach.
Ein Schuhgeschäft feierte seinen 100. Geburtstag. Dort erstanden wir jeder günstig ein paar Laufschuhe. Wenigstens eine kleine Freude in diesem verkorksten Urlaub!
Gegen 17 Uhr waren wir wieder in unserer Ferienwohnung. „Was tun wir jetzt?“ fragte ich Achim. „Meist du, wir können dort unten im dem Schlamm sitzen und angeln?“
„Wenn wir auf den Boden ein paar trockene Gräser legen, könnte es gehen“, antwortete Achim. „Ich bereite den Platz schon einmal vor. Wenn ich fertig bin, kommst du nach.“
Etwas später ging ich in den Angelkeller um meine Ruten etc. zu holen. Doch Achim hatte schon alles an unseren Angelplatz gebracht.
Vorsichtig stieg ich die Holztreppe hinunter – und rutsche mit meinen Stiefeln auf dem Gras aus. „Hier muss man sich ja wie auf Eiern bewegen“, schnautze ich.
„Stimmt. Aber wenn du aufpasst und nicht zu sehr in den Schlamm trittst, geht es.“
Na, toll! Auch bei normalen Verhältnissen ist es wegen der vielen großen Steine dort nicht einfach sich zu bewegen. Aber nun war es noch blöder geworden.
Ich baute meine Ruten zusammen, warf die Köder aus und setzte mich in meinen Stuhl. Nach 2 Stunden hatte ich die Nase voll und fing
an meine Ruten reinzuholen. Von Fischen war weit und breit nichts zu merken. Kein Wunder, hatte das Hochwasser ihnen doch einen
reich gedeckten Tisch beschert. Da brauchten sie unsere Köder nicht. Andererseits konnten wie ihn vielleicht auch gar nicht entdecken, bei der trüben Brühe und der starken Strömung.
Wie dem auch sei, ich hatte keine Lust mehr. Achim hatte gerade seine Feederrute reingeholt, als das Glöckchen an seiner Rhino-Rute bimmelte. Nanu, was war das denn? Das
Bimmeln wurde immer heftiger und es ging sogar Schnur von der Rolle. Mein Herz schlug wie rasend.
Dieses Mal brauchte ich nicht nach der Kamera zu fragen, sie lag neben mir auf meiner Gerätekiste. Sofort nahm ich sie zur Hand und
wartete, dass ich den Fisch im Wasser erkennen konnte. Überrascht stellten wir fest, dass es ein kleiner Waller war, der dem
Wurmbündel nicht widerstehen konnte. Der erste Waller in diesem Jahr! Und das bei den trüben Verhältnissen.
Wir waren überglücklich und genehmigten uns später nach dem Abendessen einen Birnengeist, den Bernd Weis für uns im Kühlschrank im Keller deponiert hatte.
Dieser Fang hatte meine Hoffnungen wieder aufkeimen lassen.
Als ich am nächsten Morgen (01.06.) aus dem Fenster schaute hätte ich heulen können. Es regnete schon wieder. Voller Wut legte ich
mich wieder ins Bett. Scheiß Wetter! Doch nach einigen Minuten trieb mich der Kaffeedurst aus dem Bett.
Als ich auf den Balkon ging zwitscherten die Vögel, als wenn es nichts Schöneres auf der Welt als Regenwetter gäbe. Eine dicke
Hornisse, die schon vor ein paar Tagen hier herum geflogen war, begrüßte mich. Auch den jungen Wanderfalken gefiel dieses Mistwetter.
Sie spielten in der Luft miteinander und machten dabei einen ohrenbetäubenden Lärm.
Ich ging zurück in die Küche und goss mir einen weiteren Becher voll Kaffee ein. Mit dem Becher in der Hand ging ich auf den Balkon
um eine Zigarette zu rauchen. All die Zeichen der Lebenslust um mich herum hoben keineswegs meine Stimmung.
Den Wetterbericht hörte ich mir erst gar nicht an. Er meldete sowieso nichts Gutes und das wollte ich nicht hören.
Als es endlich, es war schon kurz vor 11 Uhr, zu regnen aufhörte, holte ich die Angelsachen aus dem Keller und setzte mich ans Ufer.
Achim lag immer noch im Bett und träumte wohl vom großen Fang. Ehrlich gesagt hatte ich keine große Lust zum Angeln. Und dass
wirklich ein Fisch beißen würde, daran glaubte ich auch nicht mehr. Aber zum Lesen hatte ich auch keine Lust mehr. Da saß ich lieber am Neckar und schaute ins Wasser.
Als Achim sich zu mir gesellte, regnete es schon wieder. „Na, mein Schatz. Tut sich was?“ „Die Frage hast du doch nicht ernst gemeint. Was soll sich hier denn auch schon tun?“ antwortete ich resigniert.
„Na, nicht so deprimiert. Ich hole jetzt meine Angelsachen und zeige dir, dass die Fische trotz der widrigen Umstände beißen.“
Da hatte er sich aber stark geirrt. Wir angelten bei herrlichem Regenwetter bis 19 Uhr, als sich endlich einmal an Achims Rute etwas tat.
Als er einen Moment später anschlug hatte der Fisch nicht gehakt. Nur die Tauwürmer waren vom Haken gefressen.
„Komm, lass uns einpacken. Das ist wohl nicht mein Angeljahr. Bisher habe ich keinen vernünftigen Fisch gefangen. Und ich glaube auch
nicht daran, dass es noch dazu kommen wird. Denk mal an unser Wochenende an der Ostsee. Einen mickerigen Hornhecht habe ich
gefangen. Und sonst nichts! Nicht einmal einen einzigen Dorsch. Petrus hat mir wohl die Freundschaft gekündigt.“ „Lass es uns noch eine halbe Stunde probieren. Wenn sich dann nichts tut, packen wir zusammen.“
Natürlich tat sich nichts mehr. Völlig frustriert brachte ich meine Angelsachen in den Keller. Morgen und vielleicht auch noch die nächsten Tage, so schwor ich mir, würde ich jedenfalls nicht mehr angeln.
Ich traute meinen Augen nicht, als ich am nächsten Morgen (02.06.) aus dem Fenster schaute und geblendet wurde. Sollten das etwa
Sonnenstrahlen sein? Noch etwas schlaftrunken zog ich mir meinen Morgenmantel über, ging auf den Balkon und riskierte einen Blick zum Himmel. Tatsächlich! Das helle Etwas musste wohl die Sonne sein.
Ich schaltete erst die Kaffeemaschine und dann das Radio ein. Gespannt wartete ich, was der Wetterbericht melden würde. Als ich aus
dem Bad kam hörte ich, dass für den Nachmittag Regenschauer und Gewitter angesagt wurden.
„Die melden sowieso nie das richtige Wetter. Und selbst wenn es so sein sollte, heißt das ja nicht, dass es gerade hier Gewitter geben wird“, tröstete ich mich.
Weil das Wetter so viel versprechend aussah holte ich meine Angelsachen aus dem Keller und ging damit ans Ufer. Ich war über mich
selber irritiert, denn gestern hatte ich mir noch geschworen, die nächsten Tage nicht zu angeln. Andererseits waren wir ja extra nach Rockenau gefahren um Fische zu fangen!
Da ich gerne ein paar Köderfische fangen wollte, hatte ich auf beide Haken je 3 Maden gesteckt. Der Neckar bildete immer noch eine
trübe Brühe. Vielleicht wollten die Fische ja beißen, konnten aber den Köder nicht finden, überlegte ich.
Als ich Achim auf dem Balkon sitzen sah hörte ich mit dem Angeln auf und gesellte mich zu ihm. „Na, hat sich etwas getan? Wie viele Fische hast du gefangen“, scherzte er.
„Hör mir bloß mit Fischen auf. Hier gibt es entweder keine oder sie sind rundherum satt.“
Wir entschlossen uns mit dem Cabrio zuerst nach Zwingenberg zu fahren, um im Angelgeschäft Zöller ein paar frische Köder zu kaufen.
„Irgendwie sind wir doch ein bisschen bescheuert. Wir kaufen ständig neue Würmer und Maden. Wofür eigentlich?“ fragte ich Achim. „Eigentlich könnten wir gleich Geldscheine ins Wasser werfen!“
Grinsend antwortete Achim: „Wer nicht am Wasser sitzt, kann auch keine Fische fangen. Man weiß ja nie, wann sie beißen.“
Wir fuhren zurück nach Eberbach, kauften ein paar Lebensmittel ein und überlegten dann, wo wir zu Mittag essen könnten. „Was hältst du vom „Neckarblick“. Da wollten wir doch schon immer einmal essen“, fragte mich Achim.
„Von mir aus können wir dort hinfahren. Klingt interessant. Ich schaue mir gerne den Neckar von oben an.“
Die Strasse führte erst durch ein Waldgebiet und endete nach einigen Kilometern auf einer Lichtung. Doch vom Neckar war hier oben
nichts zu sehen. Lediglich die Schleuse Rockenau schaute zwischen den Bäumen hindurch.
Da noch immer die Sonne schien setzten wir uns auf die Terrasse. Kaum hatten wir unsere Getränke serviert bekommen, hörten wir es in
der Ferne donnern. Im selben Moment kamen auch schon die ersten Regentropfen. Schnell lief Achim zum Auto und schloss das Dach
des Cabrios. Da wir es nicht riskieren wollten nass zu werden nahmen wir unsere Getränke und setzten uns ins Restaurant. Wir ließen uns
mit dem Essen Zeit, doch als wir bezahlt hatten und nach draußen traten regnete es immer noch nicht. Das Gewitter hatte einen Bogen um uns gemacht.
Zurück in unserer Ferienwohnung beschlossen wir bis zum Beginn des Fußballspiels (Deutschland gegen Costa Rica), welches um 18 Uhr begann, zu angeln. Was sollten wir auch sonst in diesem „Angelurlaub“ tun?
Das Wasser des Neckars war immer noch eine trübe Brühe. Durch den vielen Dreck, der im Wasser schwamm, war das Reinholen der
Schnüre nicht immer ganz leicht. Ständig hatte sich Kraut festgesetzt. Und die Fische hatten durch die eingeschwemmten Larven, Puppen,
Würmer und Insekten einen reich gedeckten Tisch. Daher brauchten wir uns auch nicht zu wundern, dass sie auf unsere Köder keinen Appetit hatten.
Trotz dieser widrigen Umstände fing Achim (wer sonst?) wenig später eine kleine Barbe. Nur für meine Köder interessierte sich keiner, obwohl ich mir die größte Mühe gab.
Um 18 Uhr war ich es leid auf die Spitzen meiner Ruten zu starren. „Ich gehe jetzt nach oben und schaue mir das Fußballspiel an. Das wird sicher aufregender werden als hier ständig auf einen Biss zu warten.“
„Na gut. Ich komme mit. Die Sachen können wir ja stehen lassen und nach dem Fußballspiel noch etwas angeln.“ Gesagt – getan.
Wir schauten uns die erste Halbzeit des Fußballspiels an. Aber es war fast noch langweiliger als das Angeln in den letzten Tagen.
Ich fragte Achim: „Schatz, kommst du mit zum Wasser? Fußball schauen macht auch keinen Bock. Vielleicht tut sich ja inzwischen etwas.“ Ich gab die Hoffnung, endlich einmal einen großen Fisch zu fangen, nicht auf.
Wir gingen wieder an unseren Angelplatz und blieben sogar bis 23 Uhr, in der Hoffnung, dass sich die Fische in der Dunkelheit über unsere Köder hermachen würden. Aber es tat sich wieder nichts.
Das Wetter hatte sich entgegen der schlechten Vorhersage gehalten. Wenigstens ein Trost in dieser trüben Zeit! Aber, so schwor ich mir erneut, morgen würde ich wirklich nicht angeln!
Im Eberbacher Anzeiger hatten wir gelesen, dass in Michelstadt am Wochenende ein „Bienenmarkt“ stattfinden würde.
Den wollten wir uns am nächsten Tag (03.06.) ansehen. Als ich gegen 8 Uhr erwachte schien doch tatsächlich die Sonne. Und das
Thermometer zeigte schon 20° C an! Das sah nach einem schönen Tag aus. Doch als ich das Radio einschaltete und den Wetterbericht
hörte, wurde mir ganz anders. Für Hessen (Eberbach grenzt im Süden an Hessen) wurden natürlich wieder einmal Schauer und Gewitter vorher gesagt. Wie konnte es auch anders sein.
Achim gesellte sich mit einer Tasse Kaffee zu mir und fragte: „Na, was sagt der Wetterbericht? Sollen wir nach Michelstadt fahren?“
„Ach, die Meldungen stimmen ja doch nie. Es soll Schauer und Gewitter geben, aber danach sieht es hier nicht aus. Lass uns ruhig fahren.“
Gegen 11 Uhr stiegen wir bei strahlendem Sonnenschein ins Cabrio und fuhren los. In Michelstadt parkten wir etwas auswärts, da alle
Plätze in der Nähe des Geschehens besetzt waren. Zuerst schlenderten wir über den Jahrmarkt, dann setzten wir uns in einen Biergarten
am Rathausplatz, wo wir gleich zu Mittag aßen. Gespannt warteten wir auf den Blumenkorso. Er sollte um 13.30 Uhr beginnen. Dann
endlich, mit einer halben Stunden Verspätung, kamen die ersten geschmückten Wagen. Nach einem Blumenkorso sahen sie jedoch
überhaupt nicht aus. Es waren lediglich ein paar Sträußchen auf den Autos angebracht und erinnerte mehr an eine Verkaufsschau.
Wir blieben trotzdem so lange bis auch der letzte Wagen an uns vorbei gezogen war. Dann machten wir uns auf den Rückweg nach
Eberbach. Weil die Sonne immer noch schön warm vom Himmel schien machten wir einen Abstecher zum Marbacher Stausee. Am
Uferrand saßen ein paar Angler, die wir eine Zeitlang in ihrem vergeblichen Bemühen einen Fisch zu fangen beobachteten. Etwas schadenfroh dachte ich: „Warum soll es ihnen besser gehen als uns?“
In Beerfelden angekommen entschlossen wir uns spontan auch noch einen Abstecher zum „Galgen“ zu machen. Es soll der im
Bundesgebiet, wenn nicht sogar in Europa, größte und besterhaltene erhaltene Galgen sein. Wir fuhren eine Zeitlang hin und her, bis wir
den Weg zum Galgenberg fanden. Er liegt etwas außerhalb der Stadt auf einer Erhebung. Drei Rotsandsteinsäulen von ca. 5 m Höhe, die
in einem Dreieck aufgestellt sind, bildeten das Hochgericht unter der Herrschaft des Grafen von Erbach. Der Galgen wurde 1597 anstelle
eines Holzgalgens errichtet und hat die Zeit gut überstanden. Laut Überlieferung fand die letzte Hinrichtung im Jahre 1804 statt. Es soll
eine Zigeunerin gewesen sein, die den Diebstahl eines Laibes Brotes und eines Huhnes mit ihrem Leben bezahlen musste.
Neben dieser denkwürdigen Stelle gibt es einen angrenzenden Parkplatz, wo wir unseren Wagen abgestellt hatten. Wir lasen gerade was
auf der Tafel unter dem Galgen stand, als mit lautem Gehupe ein paar Smarts angefahren kamen. Sie stellten ihre Autos ebenfalls auf den
Parkplatz ab. Zwei der jungen Männer gingen zu dieser Gedenkstätte und hatten eine „hervorragende“ Idee. Sie lotsten per Handzeichen
einer der Fahrer mit seinem Auto zum Galgen. Und tatsächlich fuhr dieser direkt unter das Dreieck um sich in seinem Auto unter dem
Galgen fotografieren zu lassen! Dieses ungehörige Verhalten kam schon einer Verunglimpfung dieser historischen Stätte gleich. Ein
Einheimischer sah das Spektakel ebenfalls, hielt an und stieg aus. Er schimpfte über diese Unverfrorenheit, nannte die jungen Leute Flegel und meinte, man soll sie anzeigen.
Zurück in Rockenau schien immer noch die Sonne. Von Regenschauer und Gewitter war keine Spur zu sehen.
Achim ging auf den Balkon und goss sich ein Bier ein. Als er es ausgetrunken hatte fragte er: „Kommst du mit? Ich gehe noch ein bisschen angeln.“
„Nein. Ich habe keinen Bock. Ich bin von den letzten Tagen sehr enttäuscht. Geh du ruhig, ich werde ein bisschen in meinem Roman weiter lesen“, antwortete ich.
Zuerst kochte ich mir einen Kaffee und holte mir etwas zu Knabbern. Dann setzte ich mich mit einem Buch in der Hand auf den Balkon.
Während ich las schweiften meine Gedanken ab: „Sollte ich vielleicht doch angeln gehen?“ Ich entschied mich dagegen und las weiter.
Gegen 18 Uhr zogen ein paar dunkle Wolken auf. Es war immer noch 25° C heiß, aber die Wärme hatte sich in Schwüle verwandelt.
Während des Lesens wartete ich darauf, dass Achim endlich per Walkie einen Fang meldete. Aber das Funkgerät blieb still.
Nach einer ganzen Zeit hielt es mich doch nicht mehr auf dem Balkon. Ich ging zum Kühlschrank, nahm ein Stück stinkigen Bergkäse heraus und brachte ihn Achim.
„Probier es doch mal hiermit. Barben stehen doch auf Käse.“ Achim lehnte ab: „Ich will keine Barben fangen. Ich habe an den Haken Dendrobenas bzw. Tauwürmer. Vielleicht kann ich damit einen
Waller oder Aal an den Haken bekommen.“ „Das glaubst du doch selber nicht. Hier beißen die Fische erst wieder, wenn wir zurück in Oerlinghausen sind.“ „Willst du nicht angeln?“ fragte mich Achim.
„Nein. Ich schaue dir ein bisschen zu. Angeln entspannt – wenn man selber nicht angelt!“ meinte ich lachend. Diesen Stress, ständig auf die sich nicht rührenden Spitzen zu glotzen, wollte ich mir nicht antun.
Nach 2 Stunden war es mir zu langweilig und ich ging zurück auf den Balkon. Achim blieb noch eine halbe Stunde sitzen und wartete weiter vergeblich auf einen Biss.
Obwohl das Wasser des Neckars schon etwas klarer geworden war, erwies sich das Angeln weiterhin als sehr schwierig. Als wir in
Rockenau ankamen reichten Bleie zwischen 40 und 60 g aus. Jetzt waren mindestens 100 g nötig, um den Köder wenigstens einigermaßen an der Stelle zu halten.
Am Montagmorgen (04.06.) begrüßte mich ein strahlend blauer Himmel. Wenn die Verhältnisse so wie in den letzten Jahren, als wir hier
waren, gewesen wären, hätte ich nach der ersten Tasse Kaffe meine Angelsachen genommen und mich ans Ufer gesetzt. Aber an diesem
Morgen lockte mich nichts. Absolut nichts. War das etwa Angelfrust, der sich bei mir bemerkbar machte? Das konnte doch nicht sein. Beißflaute kannte ich schließlich auch von zuhause.
Vielleicht war ich auch noch zu sehr gestresst von den Ereignissen im letzten Jahr. Der Tod meiner Schwester hatte mir sehr zu schaffen
gemacht. Und als kurz vor ihrem Tod noch die Erkrankung meines Vaters dazu trat, war ich am verzweifeln.
Als wir vor unserer Abreise das Auto packten, war ich nicht ganz bei der Sache. Ich hatte vergessen eine zweite Feederrute einzupacken.
Die Jahre zuvor hatte ich auch noch meine Kanalrute dabei gehabt. Auch sie lag zuhause in der Garage. Dabei hätte ich sie hier gut brauchen können. Außerdem vermisste ich meinen leichten Klappstuhl.
Als ich das dachte, musste ich über mich selber lachen. Was nützten mir die besten Ruten, wenn die Fische sowieso nicht bissen? Im nächsten Moment dachte ich: „Wer nicht am Wasser sitzt, kann auch nichts fangen.“
Etwas verwirrt über mich selber ging ich in den Angelkeller, holte meine Ruten und machte mich auf den Weg zum Angelplatz. „Na, mein
Mädchen. Ganz dicht scheinst du auch nicht zu sein“, sprach meine innere Stimme zu mir.
Während der 2 Stunden, die ich am Wasser saß, bekam ich nicht einen Zupfer zu sehen. Es hätte mich auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre.
Als ich es aufgab und auf den Balkon ging begrüßte mich Achim mit den Worten: „Hast du etwas gefangen? Beißen die Fische wieder?“
„Ne“, antwortete ich. „Was sollen wir heute machen? Angeln ist vergebliche Mühe. Da tut sich absolut nichts.“ „Mach einen anderen Vorschlag“, antwortete er.
Ich überlegte und schlug vor, nach Heidelberg zu fahren. Um 11 Uhr fuhren wir bei 25° C los. Die Sonne brannte uns auf den Nacken.
Ein herrliches Wetter! So konnte es für den Rest des Urlaubs bleiben. Wir waren noch nicht einmal in Hirschhorn angekommen, als es zu Stippeln begann.
„Wir hätten in die andere Richtung fahren sollen“, meinte Achim. „Sieh mal dahinten die dunklen Wolken. Das sieht nicht gut aus.“
Vorsichtshalber hielt Achim an und schloss das Dach des Cabrios. Kaum waren wir ein Stückchen weiter gefahren, fing es richtig doll zu regnen an. Je näher wir Heidelberg kamen, desto heftiger regnete es.
„Jetzt kannst du testen, ob das Auto auch wasserfest ist“, meinte ich schmunzelnd. Doch dann wurde es mir etwas mulmig. In Heidelberg
standen die Straßen fast 30 cm hoch unter Wasser. Wir entschlossen uns umzudrehen und nach Gammelsbach zu fahren, um im
Restaurant „Zur Krone“ zu Mittag zu essen. Als wir ankamen mussten wir leider feststellen, dass sie Ruhetag hatten. „Komm Schatz, lass uns in Eberbach in der Gaststätte „Zur Sonne“ etwas essen.“
Aber auch die „Sonne“ hatte geschlossen. Und die Kneipe „Zum Anker“, die gleich daneben war, ebenfalls. Nach längerem Suchen
fanden wir eine kleine Gaststätte und stillten unseren Hunger. Als wir nach draußen traten regnete es immer noch. Statt 25 ° C waren es
jetzt nur noch 18° C. Erst gegen 16 Uhr hörte der Regen auf und die Temperatur stieg wieder langsam an.
„Was meinst du? Wollen wir es weiter wagen?“ fragte Achim während ich angestrengt auf mein Sudoku-Spiel schaute. „Was wagen?“ „Na, Fische zu fangen.“
„Meinst du nicht, dass uns Bernd Weis langsam für bescheuert hält? Wir fangen doch sowieso nichts.“ „Du kannst dein Sudoku weiter machen. Ich gehe noch ein bisschen angeln.“
Natürlich ging ich ebenfalls mit. Kaum lagen unsere Würmer im Wasser, wurden sie auch schon angeknabbert. Achim gelang es sogar
einen kleinen Zander zu fangen. Voller Hoffnung probierte ich es weiter, doch ich bekam keine Meldungen, geschweige denn Bisse. Um 21 Uhr packten wir unsere Sachen zusammen.
hier geht es weiter.....zum 2.Teil
Oerlinghausen, den 29.06.2007
hier gehts weiter zum 3.Teil Angelerlebnisse 2007..........
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